Wachstum, Widerstand und warum der FCSP auch was mit der Pilzsaison zu tun hat
Es ist kurz nach acht an einem Montagabend im September, und mein Mikrofon hat die Röteln.
Das RØDE hat sich mitten in einem Firmware-Update verabschiedet, schöne Grüße ins „australische Dänemark“, ihr Penner. Also: Ersatzspur, zweites Mikro, und ein Hinterhof, der wind- und schallsicher genug ist. Der vom 3001, Schanzenstraße 75, einundneunzig Plätze, das Kino mit dem Flair eines Geheimbunds. Zwölf Grad, vielleicht vierzehn. Spaten-Bier in der Hand. Alle paar Minuten rollt ein Koffer übers Kopfsteinpflaster. So klingt die Schanze im September, wenn man aufnimmt und nicht schneidet.
St. Pauli POPcast live in tape
Willi hat einen Spickzettel. Ich habe auch einen. Auf meinem ist ein Kreis, der fast rund geworden ist, und in dem Kreis steht POP. Willi hielt das zuerst für das Logo vom Pascha.
So fängt das an. Und so geht es dann anderthalb Stunden weiter.
Ich hatte ein Metathema mitgebracht. Wachstum. Growth.
Willi hörte Groß. Pascal Groß, den Sechser von Brighton, vierunddreißig und gerade Überspieler in einer Mannschaft, die am Wochenende Arsenal mit 3:0 heimgeschickt hat. Der Hürzeler-Fußball ist in der Premier League angekommen, steht in den englischen Blättern, und der Mann will jetzt auch noch beide Vuskewitsche haben. Wir aber steigen wieder hinab in die Niederungen der zweiten Liga, wo Cottbus einen Platz vor uns steht und wir trotzdem keine Bange haben.
Shownotes · Folge 3001: Ein Hauch von Bundesliga
St. Pauli POP · aufgenommen am Montag, 21. September 2026, im Innenhof des 3001-Kinos, Schanzenhof · Laufzeit 1:36:58
Willi und Erik über das 1:0 gegen Wolfsburg und das 1:1 in Cottbus, über Wachstum durch Widerstand, Elternzeit für Fußballprofis, den Austritt aus der Genossenschaft, die Union of European Clubs — und über einen Kultur-September, der nicht mehr in einen Spickzettel passt. Markus lässt grüßen, er ist auf dem Weg nach Kreta.
Kapitel
| 00:00:40 | Improvisation am Innenhof |
| 00:02:16 | Fediverse und Filmfest |
| 00:04:41 | Fußball vor Zukunft |
| 00:05:18 | Großes Brighton-Wachstum |
| 00:07:34 | Wolfsburg unter Kontrolle |
| 00:11:59 | Metcalfe macht den Unterschied |
| 00:16:47 | Wachstum durch Widerstand |
| 00:23:10 | Gestütztes Kapitänspraktikum |
| 00:30:21 | Cottbus und die Joker |
| 00:36:49 | Frühdruck und Unterzahl |
| 00:41:52 | Elternzeit für Profis |
| 00:46:25 | Hürzeler als Hoffnungsträger |
| 00:48:54 | Trainerwechsel und neue Ziele |
| 00:53:19 | Kultur statt Fußball |
| 00:58:36 | Reeperbahnfestival und Sound-Tipps |
| 01:04:46 | Bundesliga und Cottbus-Ärger |
| 01:09:41 | Merch für den guten Zweck |
| 01:12:22 | Theaterfestival im September |
| 01:14:26 | Genossenschaft unter Kritik |
| 01:17:48 | Internationaler Fußball und Netzwerke |
| 01:19:26 | Skepsis beim STANDS Festival |
| 01:26:12 | Rapp, Kiel und Lastenrad |
Fußball
- FC St. Pauli – VfL Wolfsburg 1:0, Sa 12.9.2026, Millerntor. Tor: Joel Chima Fujita (88.)
- Energie Cottbus – FC St. Pauli 1:1, So 20.9.2026, 6. Spieltag. Butler (37.), Martijn Kaars (80., Vorlage Ricky-Jade Jones). Gelb-Rot für Tomoya Ando (21.)
→ Spielbericht bei kicker · Liveticker Sportschau - Union of European Clubs — Interessenvertretung für Profiklubs jenseits der Elite, gegründet April 2023 in Brüssel: ueceurope.org · Mitgliederliste
- Der FCSP tritt der UEC bei (Vereinsmeldung vom Aufnahmetag): fcstpauli.com
- STANDS 2026, Fr 25. + Sa 26.9., Millerntor-Stadion. Freitag Konferenz (u.a. das UEC-Panel mit Oke Göttlich), Samstag öffentliches Nachbarschaftsfest. Headliner: Jeff Staple: stands.fcstpauli.com · Ankündigung
- FC St. Pauli Genossenschaft eG: fcstpauli.com/verein/organisation/genossenschaft
- Hamburger Blutgrätsche — der andere Podcast mit Oliver Meyer-Lenzi, neue Folge am Dienstag: ko-fi.com/hherblutgratsche
Solidarität & Struktur
- Braun-Weisse Hilfe / Fanhilfe St. Pauli — anwaltliche Unterstützung gegen Repression, Spendenkonto auf der Seite: braunweissehilfe.de
- Dachverband der Fanhilfen e.V.: dachverband-fanhilfen.de
- Community Kodex — acht Leitprinzipien für die Moderation digitaler Räume, initiiert von Vivian Pein, Oliver Saal und Teresa Sündermann. Vivian Pein kommt in der Pause in den Podcast: communitykodex.de
Kultur & Termine
- 3001 Kino, Schanzenstraße 75, im Schanzenhof, 91 Plätze — unser Aufnahmeort: 3001-kino.de
- Filmfest Hamburg, 24.9.–3.10.2026, 34. Ausgabe. Am 3. Oktober freier Eintritt für Hamburger:innen in allen fünf Festivalkinos, Tickets müssen vorab gebucht werden: filmfesthamburg.de
- Hamburg International Queer Film Festival (HIQFF), 13.–18. Oktober 2026, u.a. im 3001: hamburg.de/hiqff
- WE PRESENT 2026, 24.–27.9., Nachwuchsfestival der Freien Darstellenden Künste, in Kooperation mit dem Treibstoff Festival Basel. Spielorte: LICHTHOF Theater, BOX im Thalia Gaußstraße, Probebühne RENTZEL (Rentzelstraße 36). Tickets ab 8 Euro, Preis selbst wählbar: wepresent-festival.de · lichthof-theater.de
- Stone Foundation, Sa 26.9., 19 Uhr, Mojo Club, Reeperbahn 1. Achtköpfige Soulband um Neil Jones, mit Mick Talbot (ex-Style Council) am Synthesizer, Karten ab 30 Euro. Geht da hin: Termin bei regioactive
- Reeperbahn Festival 2026 war vom 16.–19.9., rund 800 Programmpunkte in etwa 70 Spielstätten: reeperbahnfestival.com
- Treffen 2026 — Hamburger Clubkultur-Festival mit Nachtasyl, Komet, Pudel, Hafenbahnhof. Willi hat dort Lande Hekt und Bärchen und die Milchbubis (neues Album bei Tapete) gesehen, beides kommt auf die Playlist
- Monkeys Music Club, Barnerstraße 16, Altona — Funding-Kampagne läuft, Link reiche ich nach
- St. Pauli POP Playlist auf Spotify — Willi legt Treffen-Bands nach, dazu der neue Song von Stone Foundation mit Paul Weller
Nachgereicht und korrigiert
- Das Queer Film Festival geht bis zum 18., nicht bis zum 16. Oktober.
- Die Fanhilfe heißt offiziell Braun-Weisse Hilfe (braunweissehilfe.de), nicht fanhilfesanktpauli.de.
- Unsere Reeperbahn-Zahlen (435 Bands / 540 Auftritte) waren Bierdeckelmathematik. Offiziell: rund 800 Programmpunkte, etwa 70 Spielstätten, 40.000 Besucher:innen.
- Willis vierte, nicht erinnerte WE-PRESENT-Location war die Probebühne RENTZEL in der Rentzelstraße — nicht am Stadtpark.
Grüße raus an Punk Sauli im Fediverse (einziger St. Paulianer in Drochtersen/Assel), an Radio Kaputt, nach Glückstadt, nach Osaka an Pauline und Jackson Irvine, an Ando-san und seine Familie, an den Stammtisch in Strande — und an Markus, irgendwo zwischen Hamburg und Kreta.
Nächste Folge in der XXL-Pause. Außerdem: Podcasts mit Vivian Pein und zu St. Pauli Pride, der längst überfällig ist.
Gib Erik n Bier aus.
Tl, dh; Too lazy, didn’t hear
Ich möchte lieber lesen statt hören – das Gespräch als Blogprotokoll:
Wolfsburg, oder: das Tor fiel spät genug
Mein Setting an diesem Samstag funktioniert seit Jahren: Spiel per Direktkauf bei Onefootball, Ton aus, dann so lange Play-Pause-Play-Pause, bis das Bild einigermaßen synchron zum AFM-Radio läuft. Willi stand derweil in der zugigen Ecke und hat das Unmögliche live gesehen — einen Kaderwert von über hundertzehn Millionen mit einem 1:0 nach Hause geschickt.
Was mich daran am meisten freut, ist nicht der Sieg. Es ist die Machart.
Das war kein Hurra-Fußball. Das war eine strukturierte Art, die beste Mannschaft dieser Liga über neunzig Minuten in Schach zu halten. Wolfsburg hat es mit diesem Kader nicht geschafft, einen Spielaufbau hinzukriegen — lange Bälle auf irgendwen, der zwei Meter groß ist, und das war’s. Von Spielwitz gar nicht zu reden. Wir dagegen hatten eine Achse: Eric Smith, Joel Chima Fujita, Connor Metcalfe. Und Metcalfe war für Willi völlig zu Recht Spieler des Spiels, weil er den einen Fehler nicht macht, den hier alle machen: Ball erobern, dann erst mal gucken, wo der Mitspieler steht, obwohl vor einem freier Raum liegt. Er läuft. Und wenn keiner da ist, schießt er.
Fujita hat dann in der achtundachtzigsten getroffen. Abgefälscht. Unhaltbar.
Schönen Gruß an den Übersteiger, der vor zwanzig Jahren schon aufgeschrieben hat, dass man das spielentscheidende Tor nicht zu früh schießen darf. Genau so hat sich das angefühlt: ein 0:0-Spiel, das wir gewonnen haben.
Und dann sagte ich den Satz, der jetzt über diesem Text steht: Es hatte einen Hauch von Bundesliga.
Willi meinte, den könne man schon fast einloggen.
Wachstum geht nur über Widerstand
Jetzt muss ich kurz erklären, warum ich die ganze Zeit Wachstum sage.
Wer Willi nicht sieht: Willi hat Oberschenkel. Willi hat einen Großvater, der Widerstandskämpfer war, und er fährt Fahrrad ausschließlich über die hohe Übersetzung, immer Kette rechts, was jeden Radfahrer unter euch gerade an den Kopf greifen lässt. Ein Einsteigerfehler, sagt er selbst. Aber die Körner sind nicht aus Spaß da. Die kommen daher, dass er gegen den Widerstand tritt.
Immer Kette links wäre übrigens auch ein schöner Podcasttitel. Politisch gesehen sowieso.
Und genau das ist die Geschichte dieser Mannschaft. Jeder dieser drei musste durch was durch. Smith hatte auf der Sechs erst mal einen gesetzten Mathisen vor sich. Fujita war mental schon in der Premier League und dann eben doch nicht — und Willi hat auf der Tribüne die These ausgepackt, dass die Scoutingschablone für die Premier League bei ihm an jeder einzelnen Stelle nicht greift. Groß, durchtrainiert, schnell, überall hundert Prozent Fit. Fujita ist ein Instinktmensch mit tiefem Körperschwerpunkt, der von seinen Muskelpaketen lebt und davon, dass er intuitiv alles vorher weiß. Aber nur Achtzig, neunzig Prozent auf der Schablone. Schablonenmenschen will ja auch keiner haben.
Der Verlierer dieser Entwicklung heißt, man soll das nicht sagen, Branimir Hrgota. Er erinnert mich immer an Kringe: noch einen Kringel, noch einen ausspielen, und dann bleibt er hängen. Mit seinen fünfundsechzig Jahren Erfahrung müsste er eigentlich wissen, dass das nicht gut geht.
Das gestützte Kapitänspraktikum
Willi hatte zu Saisonbeginn gesagt, die Binde sei eine zu schwere Bürde für David Nemeth. Inzwischen sieht er ihn hineinwachsen, und ich glaube, das hängt zusammen: Nemeth kann gerade deshalb Kapitän lernen, weil in der Innenverteidigung und spätestens auf der Sechs ein Eric Smith steht, der ihm Halt gibt.
Smith ist kein Leader, der viel und laut redet. Er hätte keine Bibel auf dem Handwagen und würde nicht fragen, ob er Sie mal kurz in ein Gespräch über Jesus verwickeln darf. Er ist ein Mann des Vorangehens. Er kippt ab, baut auf, spielt kurz oder lang oder geht einfach selbst durch die Lücke. Seit Hauke Wahl und vor allem Jackson Irvine weg sind, ist ja Platz. Und das Universum kennt kein Vakuum. Der freie Platz als Leader wird eingenommen.
Cottbus: zwanzig Minuten Punk, dann eine Ampel
Sonntag, Energie Stadion (das früher mal Stadion der Freundschaft hieß), und die ersten zwanzig Minuten hast du einen FC St. Pauli gesehen, der Selbstvertrauen hatte. Der wirklich glaubte: Wir können das, was wir zu können meinen. Wir haben es doch gerade bewiesen. Also, mit Verlaub, who the fuck is Cottbus?
Pele Wollitz hat hinterher auf der Pressekonferenz sinngemäß gesagt, nach diesen zwanzig Minuten habe er verstanden, warum die Wolfsburg geschlagen haben — und wenn es so weitergegangen wäre, wäre es eine einseitige Partie geworden.
Es ging nicht so weiter. Weil Tomoya Ando innerhalb von drei Minuten zweimal dieselbe Situation hatte und dafür zweimal Gelb sah. Ich habe mir beide Szenen angeguckt: Bei beiden musst du eigentlich keine Gelbe geben. Willi hält dagegen, und er hat recht: Man darf denselben Fehler nicht so kurz hintereinander und so identisch machen. Ein Schiri mit Fingerspitzengefühl hätte nach der ersten die große Symbolik gemacht — einmal, energisch, und in dem Moment leuchtet die Nummer an der Seitenlinie auf.
Hat er nicht. Einundzwanzigste Minute, zehn gegen elf, siebzig Minuten Restlaufzeit. Das ist dann kein kleiner Widerstand mehr. Das ist ein Profi-Ohm Widerstand.
Elternzeit für Fußballprofis
Ich habe auf St. Pauli Social gelesen, jemand habe Ando beim Einlaufen mit ziemlich geschwollenen, geröteten Augen gesehen. Ich will das nicht überstrapazieren, ich war nicht da, und Hörensagen bleibt Hörensagen.
Aber Ando ist gerade Vater geworden. Und in derselben Woche kam die Nominierung für die Nationalmannschaft reingeflattert. Herzlichen Glückwunsch zu beidem, und nein, ich meine nicht die Gelb-Rote.
Meine Mutter und meine Großmutter haben früher gesagt: Junge Eltern sind müde. Und da habe ich gesessen und gedacht — wieso gibt es eigentlich keine Elternzeit für Fußballprofis? Das sind Angestellte wie alle anderen auch. Da sitzt eine Frau allein zu Hause mit einem Neugeborenen, und der Mann soll Hochleistungssport machen?
Willi sagt, wenn du einen Fußballer fragst, ob er morgen ein wichtiges Spiel hat und Bock hat, dann sagt der nie: Ich hab schlecht geschlafen. Der sagt: klar.
Ja. Das muss man denen dann eben beibringen.
Wir sind doch sowieso gerne der andere Fußball. Dann sind wir eben auch der Fußball, der Spielern Elternzeit gibt. Kein halbes Jahr. Vier Wochen. Wir haben einen großen Kader, und wir haben Innenverteidiger in der U23, die sich freuen würden, mal ein Profispiel zu machen. Dieser Podcast fordert Elternzeit für Ando-san und nachfolgende Kollegen. Das wird Widerstand geben. Nur daran wachsen wir.
Drei Stürmer in der siebzigsten
Es steht 0:1 durch Butler, wir sind in Unterzahl, und Marcel Rapp wechselt drei Stürmer gleichzeitig ein.
Das macht hier kein Trainer. Wir sind da ganz anderes gewohnt, beziehungsweise gar nichts gewohnt.
Was dann passierte, war Fußball, wie er sein soll: Ricky-Jade Jones geht kraftvoll nach außen, setzt sich durch und hat danach noch die Kraft, eine präzise Flanke an den kurzen Pfosten in den Fünfer zu schlagen, wo Martijn Kaars reinstößt und der Innenverteidiger keine Chance hat. Achtzigste Minute, 1:1. Ein Bilderbuchtor von zwei Leuten, die reingekommen sind.
Der Kommentator sagte: Bei St. Pauli funktionieren jetzt auch die Joker.
Funktionieren. Das Wort mag ich nicht, und ich glaube, es ist auch falsch. Kaars und Jones funktionieren nicht. Sie spüren Vertrauen, sie spüren Motivation, sie wissen, dass sie Teil dieses Teams sind. Vor zwei Spielen war es Cesséy, und das ist völlig in Ordnung, weil ich dazugehöre.
Das Schönste war das Bild danach. Kaars ist zum Jubeln zu Nemeth gelaufen, weil die beiden das vorher ausgemacht hatten: Wenn du triffst, liegen wir uns in den Armen. Sie haben es hinbekommen.
Mit einem 0:1 oder Schlimmerem in diese komische Drei-Wochen-Pause zu gehen, wäre für die Brust und für den Kopf nicht gut gewesen.
Ein Satz noch, und bei dem hört die Ironie auf: In Cottbus hingen homophobe Banner. Über sehr vieles kann man streiten, darüber nicht. Vollhorste. Entschuldigung an alle Horste, ihr könnt nichts dafür, ich weiß, ich krieg dafür wieder Ärger aus Winsen Luhe. Und danke an die Boys in Brown, dass sie diesen Leuten am Ende in mintgrünen Höschen einen Punkt abgenommen haben.
Warum Rapp — und warum Kiel gerade nicht
Ich mutiere hier gerade zum Fanboy, und ich weiß das.
Ich habe nach der Saison mit jemandem gesprochen, der beim FC St. Pauli im sportlichen Bereich etwas zu sagen hat, und ohne daraus zu zitieren: Mein Eindruck war immer, dass es Alexander Blessin nicht gelungen ist, den Leuten eine Idee zu geben. Ein Ziel. Ein Warum. Nietzsche hat das schöner gesagt — wer ein Warum im Leben hat, erträgt fast jedes Wie. Das gilt für Fußballprofis genauso. Warum stehe ich hier, und warum stehen die anderen achtundzwanzig auch hier? Wenn du dieses Warum gemeinsam entwickelst, kommst du an die berühmten Prinzipien von ganz allein. Dafür brauchst du inhaltlich fast keinen Trainer. Als Scrum Master sage ich das mit einer gewissen Berufsschädigung. Was du brauchst, ist einen „Bohnekamp“, der dir den Rücken freihält. Alles Gute nachträglich übrigens.
Ich war an der Ostsee am Stammtisch, und drei, vier Leute haben sich bei mir bedankt, dass wir ihnen Marcel Rapp abgenommen haben. Auf Rapp waren sie überhaupt nicht gut zu sprechen. Nicht repräsentativ, ich weiß. Aber dann bin ich in den X92 gestiegen, zum Kieler Hauptbahnhof gefahren, und da stand die KN-Schlagzeile: Walter unter Druck.
Zwei Punkte Unterschied zu uns. Und eine völlig andere Stimmung.
Das ist für mich der Unterschied zwischen Tim Walter und Marcel Rapp. Walter funktioniert über Motivation. Die hält ein halbes Jahr, mit Glück ein Dreivierteljahr, danach ist Schluss. Rapp baut ein Warum, um das sich ein Team gruppieren kann.
Willi hat noch etwas beigesteuert, das ich zu Protokoll geben muss: Rapp hat auf der Pressekonferenz ganz große Augen. Er beugt sich leicht nach vorn, sodass man nur den Kopf sieht, und guckt ein bisschen nach oben. Der Kopf besteht nur aus Augen. Wie eine warmherzige Katze. Oder ein Tiger.
Und er braucht ein Lastenrad. Hochgetunt, weit über fünfundzwanzig, unten die Kiste Astra fürs Teambuilding, darüber die Hütchen und Leibchen in allen Farben. Wer die Grundidee des Trainings nicht verinnerlicht hat, fährt damit nach Hause und wäscht die Trikots. Ich musste das früher auch. Und liebe Leute: Junge Mädchen riechen auch. Das ist nicht nur bei Jungs so.
Die Genossenschaft, aus der ich austrete
Markus und ich haben unsere Genossenschaftsanteile zum 30.09. zum Rückkauf gestellt. Nicht gemeinsam abgesprochen, nacheinander, aus wahrscheinlich verschiedenen Gründen — und mit demselben Ergebnis. Willi ist jetzt der letzte Genosse an diesem Tisch.
Ich war von der Idee überzeugt. Genau so enttäuscht bin ich von der Umsetzung. Da war Schuldentilgung, und da war ein Gefühl von hutschi-kutschi, wir sind alle Genossen, wir haben dem Verein zweihundert Euro geschenkt und siebenhundertfünfzig Euro festgeparkt in den Betonspalieren der Nord. Danach kam nichts mehr.
Kein Krümelchen für die Professionalisierung oder wenigstens den Support des Frauenfußballs. Kein Krümelchen für die Jugendarbeit. Ob die Genossenschaft am Umbau an der Kollaustraße beteiligt ist, weiß ich nicht. Aber Stein und Beton reichen mir nicht. Ich brauche genau das, was ein Martijn Kaars braucht: ein Warum.
Das war die Chance, den Verein auf eine andere Ebene zu heben. Wir haben den Fans ihr Stadion, das ihnen sowieso gehört, noch einmal verkauft — darüber habe ich mich jahrelang lustig gemacht, und genau so ist es dann auch gekommen. Kann man machen. Wenn man danach eine Idee hat, was man damit anstellen will.
Da hat es kein Wachstum gegeben. Wahrscheinlich, weil es zu wenig Widerstand gab. Alle waren sich einig.
Und ja: Ich kann das Geld auch wirklich gebrauchen.
Das Myzel
Am Wochenende ist STANDS am Millerntor, und im Podcast habe ich gemeckert, dass mir nicht klar geworden ist, was das soll. Bands, Panels — und bei dem Wort Panel kriege ich einen Müdigkeitsanfall. Willi hat es genauso wenig eingefangen. Kommunikativ, sagte er, sei da nichts passiert.
Dazu unten mehr.
Denn worüber ich eigentlich reden wollte, ist die Union of European Clubs. Norwich, Aberdeen, Teneriffa, Valladolid. Hundertsechzig Vereine and growing (das war wieder das Thema „Wachstum“ ;). Kleine und mittelgroße Vereine, die sich organisieren, nach dem Motto: gemeinsam sind wir stärker. Eine Genossenschaft unter Clubs. Eine Gewerkschaft. Das, was ich mir von unserer eigenen Genossenschaft immer erhofft hatte.
Und dann sagst du der UEFA und den Beratern und diesen ganzen Champions-League-Vögeln: Passt mal auf, da unten gibt es noch ein Netzwerk.
Zwei Tipps:
Erstens: organisiert das auf Nachwuchsebene. Zwei Jugendspieler aus Norwich, Aberdeen, Teneriffa hierher, zwei von uns dorthin. Ausbildung gemeinsam, Entlohnung von Ausbildungsvereinen gemeinsam.
Zweitens, und das ist der eigentliche Hebel: organisiert es auf Fan-Ebene. Wer Mitglied ist und eine Dauerkarte kauft, kriegt ein Paket. Du kannst auch zu Spielen nach Teneriffa, Norwich, Aberdeen fahren. Fanclub-Austausche. Das wächst dann nämlich organisch.
Im Moment klingt das alles noch ein bisschen heißluftmäßig. Diversity, Sustainability, bladibloop. Ich bin seit über dreißig Jahren in dieser Branche, und wenn ich diese Begriffe lese, kriege ich ein Horn.
Aber die Idee ist geil. Sie darf nur nicht von oben kommen. Keine Reports, keine Systeme, kein Wir-treffen-uns-mal-mit-der-UEFA. Das muss wachsen wie bei Pilzen unter der Erde, und dann kommt es zack zack überall raus.
Nicht Grassroots. Pilzroots.
Willi, der aus einer Dynastie von Pilzsuchern kommt und über Generationen, Ländergrenzen und sogar über den Eisernen Vorhang hinweg gelernt hat, was essbar ist und was nicht, hat mir dann das Wort gegeben: das Myzel.
Das ist es. Das Ding, das man nicht sieht. Das Ding, an dem man wächst, weil es Widerstand gibt. Das Ding, das nicht von oben verordnet wird, sondern unter dem Pflaster liegt und irgendwann überall gleichzeitig durchbricht.
Wachstum führt zu Widerstand. Widerstand führt zu Überforderung. Überforderung führt zu Müdigkeit. Aber unter dem Rasen läuft das Netz weiter.
Wir sind nicht der Pilz, Leute. Wir sind das Geflecht.
PS. Der Satz, an dem ich seit der Recherche kaue, ist meiner. Ich habe im Podcast gefragt, warum uns niemand erklärt, wofür STANDS gut sein soll und warum der FC St. Pauli in der Union of European Clubs mitmacht. Am selben Montag, an dem wir im Hinterhof saßen, hat der Verein vermeldet, dass er als erster deutscher Profiklub der UEC beigetreten ist. Und am Freitagvormittag sitzt Oke Göttlich am Millerntor auf einem Panel namens „Room for Change: The State of European Football Governance“, zusammen mit UEC-Chef Gareth Farrelly und Pavel Kolev. Also genau das, was ich haben wollte. Haken dran, Wachstum, Widerstand.
PPPS. Das Merch. Love House Music, Hate Fascism, gibt es als T-Shirt und als Tasse, DIY wie alles hier. Tausend Kudos an Radio Kaputt, was für ein Name, der inzwischen das dritte Shirt bestellt hat, auch für Kumpels — irgendwo in dieser Republik laufen vier weitere davon herum. Der Reingewinn dieses Monats geht an die Fanhilfe, die bei uns Braun-Weisse Hilfe heißt und strukturierten, anwaltlichen Widerstand gegen Repression organisiert. Das ist auch eine Wachstumsgeschichte. Wer sich sichtbar für diesen Verein engagiert, kriegt relativ schnell Ärger von der Staatsgewalt, und das endet manchmal vor Gericht.
PPPPS. Und wenn euch das was wert war — gib Erik n Bier aus.



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