An der Ecke Reeperbahn und Große Freiheit befindet sich ein Relikt der Zeit, in der es auf dem Kiez Live-Sex-Shows gab. Wie im nahe gelegenen Dollhouse (ebenfalls Große Freiheit) tanzen in Susis Showbar leicht bekleidete Mädchen und Frauen zu eingängigem Pop und ziehen sich für die meist männlichen Zuschauer aus.
Dabei wird ein Tischgeld verlangt und erwartet, dass die Damen, die gerade nicht tanzen und den Menschen an den Tischen ihre Vorzüge, die körperlichen, feil bieten, einen Piccolo ausgegeben bekommen.
Table Dance – ein patriarchales Relikt wird zur Touri-Show
Susis Mädels erfüllen ein uraltes patriarchales Ritual, das es schon lange auf St. Paulis Reeperbahn gibt: die Spontanverfügbarkeit von Frauen zum sexuellen Gefallen. Soweit, so normal. Susis Showbar unterhält aber auch eine Loge am antisexistischen Millerntor des FC St. Pauli und das (er)regte im Zuge der Sozialromantiker Proteste Widerstand.
Susis Showbar Loge am Millerntor: Umstrittener Stangentanz
Susi versteht nicht, was „wir“ St. Paulianer gegen sie und ihr Etablissement haben.
Ritsch, ihr Wirtschafter zeigt sich aber kompromissbereit: „Wir haben zur Kenntnis genommen, dass einige Fans Frauen gegenüber nicht so freundlich eingestellt sind. Deshalb haben wir beschlossen, gegen Kaiserslautern genauso fußballbegeisterte Boys wie Mädchen einzuladen. Sie sollen unsere Freude über ein erzieltes Tor durch ihre Tanzdarbietungen an der Stange zum Ausdruck bringen.“
… schreibt die Mopo – und lässt das Zitat unwidersprochen, dass sich „nur“ wenige Fans des FC St. Pauli an der „Trockenfickerei“ an den Stangen in der Loge stören.
Susis Showbar vs. FC St. Pauli
Der Konflikt liegt hier ganz woanders: Das was für mich und sicher auch andere St. Paulianerinnen unerträglich ist, sind die Macht und Machismen, die in Logen hinter getönten Scheiben nicht nur die Mädels zu Lustobjekten machen, sondern das ganze Millerntor zur Sexfolklore gleich mit. Gerade gestern habe ich ein kurzes aber wichtiges Gespräch darüber geführt, was denn der Unterschied zwischen Tita von Teese (Foto) und einem Tabledance auf der Reeperbahn ist.
Subjekt=sexy
Es ist schlicht die Kunst, Frauen als Subjekte zu erhalten, die in einer Rolle ihre Würde wahren können. Ob das gelingt, hängt elementar mit dem Umfeld (Loge) und den Betrachtenden (Männer, die Logen besuchen/sich leisten) zusammen.
Ich sehe in dem Mopo-Artikel keinen Hinweis darauf, dass sich die Räkeleien in Susis Show-Loge von den Wichsvorlagen unterscheiden, die ich 24h, rund um die Uhr mir auf dem Kiez anschauen kann – und Teil hiervon will ich nicht sein!
Susis Showbar ist ein Stripclub auf der Großen Freiheit auf St. Pauli in Hamburg. Der Club wurde vor mehr als 50 Jahren gegründet und hat seitdem seinen Platz in der Nachtleben-Szene von St. Pauli behauptet.
Der Club ist bekannt für seine Stripshows und seine Tänzerinnen. Es ist auch ein beliebter Ort für Junggesellenabschiede und Touristen, die das Nachtleben von St. Pauli erleben möchten.
Subjekt gleich sexy – eine Zeitreise über die Große Freiheit
Wer wissen will, wo sexy aufhört und billiger Sexismus anfängt, braucht kein Gender-Seminar. Ein Spaziergang über die Große Freiheit reicht, vorausgesetzt, man macht ihn durch die Jahrzehnte. Der Kiez hat das alles schon mal durchgespielt. Mehrfach. Mit wechselnder Besetzung.
1948: Damenwahl als Revolution
Fangen wir harmlos an, mit Plüsch. Das erste Café Keese öffnete 1948 in Hamburg, und dort wurde der sogenannte Ball Paradox erfunden: Die Frauen suchten sich ihre Tanzpartner selbst aus. Klingt nach Tanztee für die Großeltern. Ist aber, wenn man genau hinschaut, die Formel in Reinform. Wer wählt, ist Subjekt. Wer gewählt wird, darf sich geschmeichelt fühlen. Mitten auf der sündigen Meile, drei Jahre nach Kriegsende. So weit, so modern.
1970: Theater oder Séparée?
Dann kam René Durand. Im Frühjahr 1970 zog er mit seinem Erotik-Theater Salambo in die Räume des ehemaligen Star-Club, also genau dort, wo ein paar Jahre zuvor die Beatles gespielt hatten. Statt Beat gab es aufwendig ausgestattete, durchchoreografierte Bühnenshows. Und das zu einer Zeit, in der bei öffentlichen Darbietungen der Slip-Gummi noch mindestens fünf Zentimeter über dem Schamdreieck sitzen musste.
Die Obrigkeit wollte den Laden wegen Sittenwidrigkeit dichtmachen, aber Durand argumentierte vor Gericht mit vollem Körpereinsatz, dass seine Shows im Grunde Tanz und damit Kunst seien. Man muss das nicht glauben. Man kann aber festhalten: Durand verstand sich als Theaterdirektor, nicht als Zuhälter. Mehrfach wurde das Salambo wegen des Verdachts auf Förderung der Prostitution geschlossen und wieder eröffnet, weil sich der Verdacht nie beweisen ließ.
Und genau da wird es interessant. Denn in den Live-Sex-Varietés jener Jahre gab es neben der Bühne noch einen zweiten Raum. Ein Fotograf, der 2011 im letzten dieser Häuser recherchierte, beschreibt es so: Zwischen den Shows konnten sich Gäste mit den Darstellerinnen und Darstellern in Séparées zurückziehen, wo diese ihren sehr geringen Bühnenlohn durch Prostitution aufbesserten. Auf der Bühne: Inszenierung, Rolle, Distanz. Im Séparée: Verfügbarkeit. Merkt euch dieses Wort, Séparée. Es kommt gleich wieder.
Am 18. Februar 1983 ging das Salambo in Flammen auf. (Klammer auf: Laut Überlieferung waren es Konkurrenten, die den Laden abbrannten. Auch das ist Kiez.)
Hinter der Sichtblende: Herbertstraße
Ein paar hundert Meter weiter steht eine Straße, die ihr eigenes Lehrstück ist. Während der NS-Zeit war Prostitution strikt verboten, mit Ausnahme der Herbertstraße, an deren beiden Zugängen damals Sichtblenden errichtet wurden. Die Nazis wollten das Gewerbe nicht abschaffen, sondern verstecken. Doppelmoral mit Bauzaun.
Die berühmten Schilder kamen später, und zwar nicht von oben: In den 70er Jahren wurden sie auf Wunsch der Prostituierten um den Hinweis „Zutritt für Männer unter 18 und Frauen verboten!“ ergänzt. Hintergrund laut Senat: Es hatte damals sehr häufig Konfrontationen zwischen den Frauen in der Straße und Passantinnen gegeben, weil Reiseunternehmen vermehrt Gruppen hindurchführten. Die Frauen in den Fenstern wollten nicht selbst zur Touri-Show werden. Das ist, bei aller Ambivalenz, ein Akt der Selbstbestimmung. 2019 rissen protestierende Frauen zum Weltfrauentag die Barrieren um, und beide Seiten hatten irgendwie recht. Willkommen auf St. Pauli.
Domenica: Die Frau, die selbst sprach
Und dann war da Domenica. Sie arbeitete im Großbordell Palais d’Amour und in der Herbertstraße und wurde in den 80ern bekannt, weil sie sich vor allem in Talkshows für die Legalisierung der Prostitution stark machte. 1990 stieg sie aus und arbeitete als Streetworkerin. Von 1991 bis 1997 betreute sie für den Verein Ragazza in St. Georg junge drogensüchtige Frauen, die ihre Sucht über Prostitution finanzierten.
Domenica war vieles, aber nie Objekt. Sie war diejenige, die redete, während die Republik zuhörte. Mit der Domenica-Niehoff-Twiete wurde in Hamburg erstmals eine Straße nach einer Sexarbeiterin benannt. Subjekt gleich sexy, posthum amtlich beglaubigt.
2010: Das Séparée am Millerntor
Da ist es wieder, das Wort. Die neuen Stadionlogen hießen am Millerntor kieztypisch „Separee“, und in einer an Susis Showbar vermieteten Loge ließen während einer Bundesligapartie eigens engagierte Stripperinnen die Hüllen fallen. Die Sozialromantiker forderten die Kündigung, und beim Heimspiel gegen Freiburg hing ein Spruchband an die Adresse von Susis Showbar: „Oh Susi, wir spiel’n bei dir doch auch kein Fußi!“
Am selben Abend standen der Quotenrocker Schmiddel und ich dann noch vor Susis Tür und erklärten ihr nachbarschaftlich freundlich, dass wir ihre Mädels nicht mehr am Millerntor sehen wollen. Fußballspielen sei bei ihr nicht erlaubt, gab Susi zurück. „Gut, Trockenficken bei uns auch nicht“, war meine Antwort. Am Ende entschied die Mitgliederversammlung: Mit überwältigender Mehrheit untersagte die JHV sexistische Darbietungen am Millerntor im Sinne der Sozialromantiker-Initiative. Das Séparée war Geschichte. Das Stadion blieb Bühne für Fußball.
2013: Das Theater stirbt, der Tisch bleibt
Ein paar Jahre später war auch auf der Großen Freiheit Schluss mit Inszenierung. Bis zu seiner Schließung 2013 war das Safari das letzte Live-Sex-Theater Deutschlands. Nach knapp 50 Jahren machte es dicht, weil sich echte Nummern auf der Bühne nicht mehr lohnten, und die Dollhouse-Macher von schräg gegenüber übernahmen. Wo früher das Salambo stand, steht heute der Tabledance-Club Dollhouse.
Man kann das als Fortschritt verbuchen: weniger Hardcore, mehr Glitzer. Ich sehe es anders. Verschwunden ist ausgerechnet die Bühne, also der Teil mit Rolle, Regie und Distanz. Übrig geblieben ist das Séparée-Prinzip in Light-Version: der Tisch, der Piccolo für 25 Euro und die Erwartung, dass die Frau, die gerade nicht tanzt, sich dazusetzt. Das Theater ist tot, die Verfügbarkeit hat überlebt.
2019: Burlesque, Drag und wilde Jungs
Und heute? Heute steht auf derselben Straße das Gegenmodell. Seit 2019 zeigt die Bunny Burlesque aus dem Hause Olivia Jones auf der Großen Freiheit Burlesque unter der Leitung von Eve Champagne, die dort auch selbst auftritt. Die Tourismusbehörde beschreibt das als erotische Darstellungen, die Selbstbewusstsein und Emanzipation zum Ausdruck bringen. Marketingsprech, klar. Aber im Kern stimmt es: Die Performerin bestimmt Tempo, Blick und Pointe. Das Publikum schaut zu, statt zuzugreifen.
Ein paar Hausnummern weiter dreht Olivia den Spieß ganz um. Olivias Wilde Jungs in der Großen Freiheit 32 ist ein Männer-Stripclub nur für Frauen. Ist das jetzt emanzipiert? Nicht automatisch. Auch dort gibt es zwischen den Bühnenshows private Tänze an den Tischen, die extra Cash bringen. Wer nur die Geschlechter tauscht, tauscht noch lange nicht die Machtverhältnisse. Die Frage bleibt dieselbe: Wer hat die Bühne, wer hat die Kontrolle, und wer sitzt hinter der getönten Scheibe?
Unmodern ist nicht die Nacktheit
Man liest gern, Stripclubs seien unmodern geworden, weil die Gesellschaft heute so viel offener mit Sexualität umgehe. Quatsch. Nacktheit war auf dem Kiez nie das Problem, und sie ist es heute auch nicht. Unmodern ist das Produkt, das in der Plüschecke immer noch verkauft wird: die Spontanverfügbarkeit von Frauen. Das ist kein Sex, das ist ein Geschäftsmodell von vorgestern mit LED-Beleuchtung.
Der Kiez selbst ist da längst weiter. Zum 100. Geburtstag der Herbertstraße 2022 lobte der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen, dass die Sexarbeit dort, anders als an vielen anderen Orten, gesellschaftlich anerkannt sei. Burlesque füllt Säle, Drag füllt Hinterhöfe, und Domenica hat eine Straße. Die Formel ist dieselbe wie 1948 beim Ball Paradox: Subjekt gleich sexy. Alles andere ist billig. Auch wenn es 25 Euro pro Piccolo kostet.
Wenn ihr das anders seht oder eigene Geschichten von der Großen Freiheit habt: immer her damit. Ich bin lerngierig.




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