FC St. Pauli Abstieg: Wir, die die bleiben

Wenn uns Hauke Wahl, Nikola Vasilj und die vielen anderen, die wir ins Herz geschlossen haben, nach dem Abstieg verlassen, dann bleibt da eine Leere, auch ein wenig Wut. Sie folgt einem Muster.

Als St. Pauli Fan bleibt man, wenn andere weiterziehen. Ein Essay über diesen masochistischen Kreislauf als Fußballfan.

Jeder August riecht nach frisch erholtem Rasen, nach vertrautem (mal wieder teurer gewordenen) Billigbier; der letzte Rest der verratenen Träume schliert noch auf dem Beton der Stufen. Ich stehe wieder auf der Nordkurve des Millerntors, zusammen mit Willi, Markus und all den anderen, die ich nur aus dem Stadion kenne. Das Astra wärmt sich in meiner Hand auf, und ich schwöre mir feierlich: „Dieses Mal nicht. Dieses Mal binde ich mein Herz nicht an einen Typen, der ohnehin in zwei Jahren weg ist.“

Aber dann kommt da so ein neuer Joel, läuft, als hätte er drei Lungen, grätscht an der Außenlinie, zirkelt den Ball in den Lauf unseres neuen 25-Tore-Stürmers (die er nie und nimmer schießen wird) – und ich, ich verdammter Idiot, fange wieder an zu lieben. Es ist eine chronische Malaise, dieses Fan-Sein. Ein immer wiederkehrender Kreislauf aus Kennenlernen, Liebgewinnen und am Ende – unvermeidlich – traurig sein (manchmal auch stinkwütend), wenn ein weiterer Spind im Bauch der Süd ausgeräumt wird.

In diesem Sommer ist es beinahe noch schlimmer als sonst. In diesem Sommer wird nicht ein Spind ausgeräumt, sondern eine halbe Kabine. Eine Ära geht zuende.

Vom Aufstieg, vom Klassenerhalt bis zum verdient unnötigen Abstieg. Ein Drama in drei Akten, das sich alle drei bis vier Jahre oder so wiederholt. (Ok, die Umlaufbahn eines Aufstiegs ist bei St. Pauli länger, eliptischer als anderswo, aber ihr ahnt?)

Am 16. Mai 2026 habe ich auf genau diesen Stufen gestanden, als der FC St. Pauli die Partie gegen den VfL Wolfsburg nicht gewann und damit nach zwei Jahren wieder abstieg. Zurück in Liga zwei. Ich habe gesehen, wie Jackson Irvine, unser Kapitän, weinend in die Kurve ging, und ich habe selbst feucht-krustige Krumen in den Augen gespürt. „You’ll never walk alone“, und dann gehen sie eben doch, einer nach dem anderen. Ein Abstieg ist kein Abschied. Ein Abstieg ist ein Dutzend Abschiede auf einmal.

Das nackte Inventar unserer Verluste

Bevor ich mich aber tiefer in die dunklen, neurotischen Eingeweide dieser Masochismus-Spirale wühle, betrachte ich einmal das nackte Inventar unserer – meiner – Verluste. Eine unvollständige Chronik derer, die gingen, als es gerade am schönsten war, und derer, die jetzt, nach dem Abstieg, ihre Koffer packen.

Wer ging, als es am schönsten war (2016–2026)

  • Marcel Hartel (2021–2024, drei Jahre): ging zum St. Louis City SC in die USA – und ist da auch immer noch.
  • Leart Paqarada (2020–2023, drei Jahre): wechselte zum 1. FC Köln, spielt dort aktuell keine große Rolle und vielleicht ja demnächst beim 1. FC Heidenheim in der zweiten Liga.
  • Daniel-Kofi Kyereh (2020–2022, zwei Jahre): damals unser Rekordabgang, ist jetzt Langzeitverletzter beim SC Freiburg. Und so ganz heimlich wünschen wir uns ja, dass er nach seiner Rekonvaleszenz noch mal für den FC St. Pauli aufläuft – denn für die Bundesliga könnte es nicht reichen.
  • Guido Burgstaller (zwei Jahre): den wollte ich eigentlich weglassen, die alte Pfeife – erinnert ihr euch, der hat homofeindliche Gesänge in Österreich abgesondert. Aber natürlich war auch er zwei Jahre bei uns, und sehr, sehr viele von uns haben ihn sehr gerne gemocht, nicht nur wegen seiner Tore. Er spielt im Moment bei Rapid Wien. Ich weiß gar nicht, ob er seine Karriere inzwischen beendet hat. Interessiert mich aber auch nicht. Er soll sich gehackt legen.
  • Mats Møller Dæhli (2017–2020, drei Jahre): einer unserer absoluten Lieblinge im Podcast – guck mal, wie lange das schon her ist, fast neun Jahre. Ging weiter zum KRC Genk nach Belgien und spielt aktuell beim Molde FK in Norwegen, also in seiner Heimat.
  • Lasse Sobiech (2013–2018, fünf Jahre): Auch wenn er danach – oder davor – noch mal beim HSV war, habe ich ihn einfach total lieb. Das war einer der Leader beim FC St. Pauli. Ist zum 1. FC Köln gegangen und genießt im Moment seinen wohlverdienten Ruhestand.
  • Christopher Buchtmann (2012–2022, zehn Jahre): ging dann zum VfB Oldenburg, und ich habe ihn zusammen mit den Kollegen aus Glückstadt noch mal in Glückstadt gesehen, und zwar beim Heider SV. Ich weiß nicht, ob er da noch spielt – der Status ist unklar.
  • Robin Himmelmann (2012–2021, neun Jahre): Flyman; unsere Torwartlegende, ist dann zum KAS Eupen nach Belgien gegangen, als es hier nicht mehr weiterging, und spielt aktuell – soweit ich das eruieren konnte – beim Karlsruher SC.

Wer 2025 und 2026 ging (und wohl noch geht)

Dann kamen eben die Bundesliga-Saisons und mit ihnen eine Welle, die mir das Herz noch einmal anders zerlegt hat. Erst die schleichenden Abgänge im Sommer und Winter, dann der große Exodus nach dem Abstieg.

  • Elias Saad (2023–2025, zwei Jahre): für zwei Millionen zum FC Augsburg, ist aktuell auf Leihbasis zu Hannover 96 gegangen. Und es könnte gut sein, dass wir ihn in der zweiten Liga noch mal wiedersehen.
  • Philipp Treu (2023–2025, als Leihspieler): hat sich festgespielt, war am Ende ungefähr fünf Millionen wert, ist dann zurück zum SC Freiburg und dort echter Bundesligist geworden. Das, was unser Verein als Verein nicht geschafft hat, hat er geschafft.
  • Dapo Afolayan – Ein Opfer von Blessin (2023–2026, drei Jahre): einer der tragischsten Abgänge, meines Erachtens. Kam von den Blackburn Rovers aus England und ist notgedrungen auch dahin wieder zurück, spielt auch dort aktuell.
  • Nikola Vasilj (fünf Jahre): Wo er hingeht, ist offen – Bundesliga, Türkei, arabischer Raum, alles im Gespräch. Er spielt im Moment bei der WM, ein bisschen so wie beim FC St. Pauli: ganz tolle Paraden und ein bisschen wackelig zugleich. Der Abschied ist fix, er ist auf jeden Fall weg.
  • Karol Mets (2023–2026): Vertrag ausgelaufen und nicht verlängert.
  • James Sands: Da wurde die Leihe vom Heimatklub New York City FC nicht verlängert. Er spielt wieder im Big Apple.
  • Daniel Sinani (drei Jahre): noch nicht klar, wo der Mann hingeht. Ist aus meiner Sicht auch so ein bisschen das Opfer von Blessin und seinem Anti-Team-Coaching.
  • Andreas Hountondji: war geliehen, kehrt zurück zum Klub.
  • Joel Chima Fujita (2024–2026, zwei Jahre): Der Marktwert beträgt sagenumwobene zehn Millionen Euro, und der Abgang ist höchstwahrscheinlich – auch wenn er, soweit ich weiß, nicht mit Japan zur WM gefahren ist.
  • Eric Smith (fünf Jahre): Dafür ist er zur WM gefahren. Auch sein Abgang ist wahrscheinlich, auch weil er zu diesem ominösen – nicht ominösen, sondern – zu diesem nun überreifen Führungszirkel gehörte.

Und vielleicht ist das ja tatsächlich auch eine Taktik, eine Strategie von Andreas Bornemann: die Spieler nicht zu mächtig werden zu lassen und Spielerkonstellationen auch immer mal wieder aufzubrechen. Das war schon bei Buchtmann und Philipp Ziereis der Fall.

Inzwischen wissen wir, dass Hauke Wahl gegangen ist. Connor Metcalfe steht im Schaufenster für Australien, genauso wie Jackson Irvine – hinter den beiden stehen dicke Fragezeichen. Also: Fast der gesamte Mannschaftsrat der Aufstiegssaison bricht gerade auseinander oder ist auseinandergebrochen. Und man fragt sich natürlich als Fan: Ey, warum tue ich mir das an?

Warum tue ich mir das eigentlich an?

Der Profifußballer ist letztlich ein Nomade im Trikot. Für mich ist das Vereinswappen nichts zum Küssen, für viele Spieler schon; ist es oft nur der temporäre Briefkopf des aktuellen Arbeitgebers. Ich atme den Kiez, blinzle trotzig in den Hamburger Regen, ertrage den ranzigen Geruch ekeliger Gäste – sie folgen währenddessen einem Karriereplan. Natürlich ist das polemisch und polarisiert ausgedrückt, aber so ist es.

Wir haben Glück, wir sehen sie nicht oft am Millerntor, die absolute Krönung der fußballerischen Heuchelei: die Wappenküsser. Wie hieß der Mann noch, der dann zu Schalke gegangen ist? Herr Salazar – das waren Wappenküsser. Oh, diese verfluchten Wappenküsser! Sie schießen ein Derbysieg-Tor, rutschen auf den Knien zur Eckfahne, treten sie theatralisch um, wenn sie eine Raute ziert, zerren unser Logo an die Lippen und spielen mir vor, sie hätten in St.-Pauli-Bettwäsche geschlafen, seit sie aufrecht gehen können, als hätten sie verstanden, was das heißt, St. Paulianer zu sein. Und in diesem ekstatischen Moment glaube ich ihnen. Ich will ihnen glauben!

Sukuta Pasu, auch eines der Talente, denen ich mein kleines Fanherz hinterher geworfen habe, hat jüngst in einem sehr ehrlichen Interview sinngemäß gesagt: 90% aller Emotionen der Spieler sei fake; kalkuliertes Spielen mit unseren Gefühlen und Erwartungen. Warum ich gerade an Hauke Wahl denken muss? Naja, könnt ihr euch wahrscheinlich ausdenken.

Hej, das ist meine selbst gewählte Tragödie. Ich bin wie ein naiver Liebhaber, der den süßen Lügen in einer durchtanzten und warmen Nacht auf St. Pauli Glauben schenkt, weil deine hübsche Brust gerade so schön wärmt. Der Fußball, diese große, zynische Maschinerie, die mich jede Saison aufs Neue verführt und mich dann mit einem Händedruck des Sportdirektors und den Worten „Ich suche eine neue Herausforderung“ auf die Straße setzt.

Und doch wäre es zu billig, nur den Spielern den Schwarzen Peter zuzuschieben. Ein Abstieg legt die Mechanik gnadenlos offen: Es ist nicht immer der Spieler, der geht. Manchmal ist es die Tabelle, die ihn vertreibt. Ein Fujita, der mit zehn Millionen Euro Marktwert in der Bilanz steht, ist für einen Zweitligisten kein Mensch mehr, sondern ein Posten. Wer absteigt, muss verkaufen, um zu überleben. Die Liebe der Kurve und die Kassenlage des Vereins stehen plötzlich auf verschiedenen Seiten. Und ich, der ich den Spieler halten will, weiß insgeheim: Genau dieser Verkauf finanziert vielleicht die drei Neuen, die ich im Januar wieder lieben werde.

Bleiben und Gehen – zwei Sprachen, die einander nicht verstehen

Die Ziele könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Profi sucht den nächsten Vertrag. Er jagt die Bundesliga oder noch forscher die Premier League, das Handgeld, die Villa mit Pool auf Mallorca, das Appartment in Dubai im schlimmsten Fall oder die letzten dicken Dollar der Karriere in St. Louis. Ich kann es ihnen kaum verdenken – ihre Knochen haben ein Verfallsdatum. Für sie ist Nostalgie ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Ein Saad, den zwei Jahre lang Bänder und Muskeln verraten haben und der dann doch in die Bundesliga nach Augsburg geht; ein Treu, der dorthin zurückkehrt, wo er herkam – sie tun nichts Verwerfliches. Sie tun nur das, was ihr Beruf von ihnen verlangt: weitergehen, bevor der Schiri die Karriere abpfeift.

Widersinnig suche ich Beständigkeit in einer Welt, die sich rasend schnell dreht. Ein ewiger Romantiker, der versehentlich in einem knallharten, absurden Millionenbusiness gelandet ist. Wenn ein Burgstaller seinen Koffer packt, wenn ein Kyereh oder Hartel die Segel streicht, wenn ein Vasilj nach fünf Jahren unter Tränen Tschüss sagt, dann reißen sie ein Loch in mein Wochenendritual. Es fühlt sich an wie ein kleiner Verrat, selbst wenn es keiner ist.

Aber es gibt sie eben doch, die andere Seite der Medaille. Es gibt die, die bleiben, obwohl sie gehen könnten. Jackson Irvine, der Kapitän, hat es nach dem Abstieg in zwei Sätze gepackt: „Ich werde hier sein. Das ist meine Heimat.“ Er wohnt nicht weit vom Stadion, seine Frau und er sind im Viertel verwurzelt, und er hätte allen Grund, sich in der zweiten Liga nicht weiter aufzuhalten. Er bleibt trotzdem. Und genau das macht ihn – und Spieler wie ihn – für mich wertvoller als jedes Zehn-Millionen-Angebot, das für einen anderen hereinflattert. Loyalität ist im Profifußball, also das Einlassen auf das S zu St. Pauli, kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung – und sie ist umso schöner, je seltener sie vorkommt.

(Dass ein Profi, der sich auf uns einlässt, zu Recht für sich reklamieren kann, ein Teil von St. Pauli zu sein, uns dann aber anders enttäuscht oder ärgert, soll hier nur am Rande erwähnt sein – vgl. meine Artikel zu Jackson Irvine, davon gab es eine ganze Menge.)

Vielleicht ist das die ehrlichste Lektion, die mir der Fußball beibringt: Dass Bleiben und Gehen keine moralischen Kategorien sind, sondern nur zwei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage – was ist mir dieser Ort wert? Das Millerntor. Der Spieler beantwortet sie mit seiner Karriere, ich beantworte sie mit meinem Bleiben (auch wenn das in diesem Verein wahrlich nicht immer ein Vergnügen ist – und da können die Spieler nix dafür). Wir kommen einfach zu verschiedenen Ergebnissen, weil wir verschiedene Ideen über den Fußball in unseren Körpern tragen (die sich auch fulminant unterscheiden, btw ;).

Wir sind das Gebäude, sie sind die Mieter

Passt ja auch bei einer Genossenschaft. Ich bin derjenige, der bleibt. Ihr seid diejenigen, die bleiben. Der Verein ist das Gebäude, die Spieler sind die Feriengäste. Vasiljs Abschiedsworte – „Es waren fünf wunderschöne Jahre, an die ich mich immer erinnern werde“ – sind echt, und trotzdem zieht er aus. Das ist keine Heuchelei mehr, das ist einfach die Wahrheit zweier Menschen, die sich für eine Weile dieselbe Adresse geteilt haben. Die Mieter wechseln, das Haus auf der kleinen Insel steht unbeirrt im Westwind, der erbarmungslos in unsere zugige Ecke weht.

Liebe und Fantum kann auch übel riechen. Dann, wenn Kontroll- und Besitzansprüche dazu kommen. „Ich bezahle Dich, also performe“ ist der gängigste. Das Schimpfen auf Millionarios, die nur ihren Egointeressen dienen, das Symptom.

Davor sind in Zeiten, da Präsidium und AR aus Fans bestehen, auch Aufsichtsräte nicht gefeit.

Einziger Ausweg: bewusste Romantik

Romantiker unterscheiden sich vom Zyniker dadurch, daß der Romantik die Enttäuschung innewohnt; der erfahrene Romantiker weiß das und kann diese ambivalente Spannung sogar manchmal genießen.

Und so stehe ich am nächsten ersten Spieltag wieder da, diesmal in Liga zwei, mit demselben Schal (der schon soviel gesehen hat), demselben aufgedrehten Humor, der Dew neben mir mal gefällt, mal nicht.

Ein halbes Dutzend Gesichter weniger, ein halbes Dutzend neuer, die ich noch nicht kenne. Bereit, das Herz erneut auf den Rasen zu werfen, damit der nächste hoffnungsvolle Neuzugang mit seinen Stollen darauf herumtrampeln kann.

Es sind Symptome von Wahnsinn. Ich weiß, es ist völlig irrational. Und doch das Schönste auf der Welt.

O. hat in unserem Podcast ohne Aufnahme (also wir telefonieren ab und an mal und nehmen es aber nicht auf, soll damit gemeint sein) gemeint, wir sollten unsere Spieler nicht zu Posterboys hochjazzen. Da war ich noch seiner Meinung, als wir telefoniert haben. Das sehe ich inzwischen anders. Lasst sie uns lieben, ein wenig doof anhimmeln und aus ihnen Posterboys für unseren inneren Spind machen. Wohl wissend, dass die Enttäuschung am Ende der Reise wartet, wie eine alte Bekannte, die einen nachts am Flughafen abholt.

Bringen wir ihnen bei, was es heißt, St. Paulianer zu sein – immer wieder aufs Neue. Und wer weiß, vielleicht bleibt ja etwas backen, nehmen sie wirklich einen Teil von uns mit zu ihren neuen Boxenstopps im kapitalistischen Turborace. So wie Gyökeres, heute Superstar, oder einst Ralle Gunesch.

Wir sind die, die bleiben.

Fediverse reactions

Dein Host

Erik Hauth ist Blogger und Podcaster aus Hamburg-Altona. Hier schreibt und redet er über den FC St. Pauli, die Musik und Kultur des Kiez

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert