Wir, die die bleiben

Als Fan bleibt man, wenn andere weiterziehen. Ein Essay über diesen masochistischen Kreislauf als Fußballfan.

Jeder August riecht nach frisch erholtem Rasen, nach teurem Billigbier; der letzte Rest der verratenen Träume schliert noch auf dem Beton der Stufen. Ich stehe wieder auf der Nordkurve des Millerntors, zusammen mit Willi, Markus und all den anderen, die ich nur aus dem Stadion kenne. Das Astra wärmt sich in meiner Hand auf, und ich schwöre mir feierlich: „Dieses Mal nicht. Dieses Mal binde ich mein Herz nicht an einen Typen, der ohnehin in zwei Jahren weg ist.“

Aber dann kommt da so ein neuer Joel, läuft, als hätte er drei Lungen, grätscht an der Außenlinie, zirkelt den Ball in den Lauf unseres neuen 25-Tore-Stürmers (die er nie und nimmer schießen wird) – und ich, ich verdammter Idiot, fange wieder an zu lieben. Es ist eine chronische Malaise, dieses Fan-Sein. Ein immer wiederkehrender Kreislauf aus Kennenlernen, Liebgewinnen und am Ende – unvermeidlich – traurig sein (manchmal auch stinkwütend), wenn ein weiterer Spind im Bauch der Süd mal wieder ausgeräumt wird.

In diesem Sommer ist es beinahe noch schlimmer als sonst. In diesem Sommer wird nicht ein Spind ausgeräumt, sondern eine halbe Kabine. Eine Ära geht zuende.Vom Aufstieg, vom Klassenerhalt bis zum verdient unnötigen Abstieg. Ein Drama in drei Akten, das sich alle drei bis vier Jahre oder so wiederholt. (Ok, die Umlaufbahn eines Aufstiegs ist bei St. Pauli länger, eliptischer als anderswo, aber ihr ahnt?)

Am 16. Mai 2026 habe ich auf genau diesen Stufen gestanden, als der FC St. Pauli die Partie gegen den VfL Wolfsburg nicht gewann und damit nach zwei Jahren wieder abstieg. Zurück in Liga zwei. Ich habe gesehen, wie Jackson Irvine, unser Kapitän, weinend in die Kurve ging, und ich habe selbst feucht-krustige Krumen in den Augen gespürt. „You’ll never walk alone“, und dann gehen sie eben doch, einer nach dem anderen. Ein Abstieg ist kein Abschied. Ein Abstieg ist ein Dutzend Abschiede auf einmal.

Bevor ich mich aber in die dunklen, neurotischen Eingeweide dieser Masochismus-Spirale wühle, betrachte ich das nackte Inventar meiner Verluste. Die Chronik derer, die gingen, als es gerade am schönsten war – und derer, die jetzt, nach dem Abstieg, ihre Koffer packen.

Die alte Chronik: Wer ging, als es am schönsten war (2016–2026)

SpielerVerweildauer am MillerntorZiel beim AbgangAktueller Verein / Status
Marcel Hartel2021–2024 (3 Jahre)St. Louis City SC (USA)St. Louis City SC
Leart Paqarada2020–2023 (3 Jahre)1. FC Köln1. FC Heidenheim
Daniel-Kofi Kyereh2020–2022 (2 Jahre)SC FreiburgSC Freiburg
Guido Burgstaller2020–2022 (2 Jahre)Rapid Wien (Österreich)Rapid Wien
Mats Møller Dæhli2017–2020 (3 Jahre)KRC Genk (Belgien)Molde FK (Norwegen)
Lasse Sobiech2013–2018 (5 Jahre)1. FC KölnKarriereende
Christopher Buchtmann2012–2022 (10 Jahre)VfB OldenburgStatus unklar / ist er noch beim Heider SV?
Robin Himmelmann2012–2021 (9 Jahre)KAS Eupen (Belgien)Karlsruher SC

Anmerkung zur Recherche: Bei Christopher Buchtmann ist nach seiner Station beim VfB Oldenburg kein professionelles Engagement mehr zweifelsfrei dokumentiert. Ich habe ihn mit Punksauli in Glückstadt noch für den Heider SV auflaufen sehen.

Die neue Chronik: Wer 2025 und 2026 ging – und wohl noch geht

Dann kamen die Bundesligasaisons, und mit ihnen eine Welle, die mir das Herz noch einmal anders zerlegt hat. Erst die schleichenden Abgänge im Sommer und Winter, dann der große Exodus nach dem Abstieg.

SpielerVerweildauerZiel beim AbgangStatus
Elias Saad2023–2025 (2 Jahre)FC Augsburg (~2 Mio. €)aktuell auf Leihbasis bei Hannover 96
Philipp Treu2023–2025 (2 Jahre)SC Freiburg (~5 Mio. €)SC Freiburg
Oladapo Afolayan2023–2026 (3 Jahre)Blackburn Rovers (England)Blackburn Rovers
Nikola Vasilj2021–2026 (5 Jahre)offen (Bundesliga/Türkei/arab. Raum im Gespräch)Abschied nach Abstieg fix
Karol Mets2023–2026 (3 Jahre)Vertrag ausgelaufenAbschied fix
James SandsLeiheLeihe beendetRückkehr zum Stammklub
Danel Sinani2023–2026 (3 Jahre)offenAbschied fix
Andréas HountondjiLeiheLeihe beendetRückkehr zum Stammklub
Joel Chima Fujita2024–2026offen (Marktwert ~10 Mio. €)Abgang höchstwahrscheinlich
Eric Smith2021–2026offenAbgang wahrscheinlich

Anmerkung zur Recherche (Stand Juni 2026): Saad, Treu und Afolayan sind bereits weg. Vasilj, Mets, Sinani sind fix verabschiedet, die Leihen von Sands und Hountondji endeten. Bei Fujita – mit geschätzten zehn Millionen Euro Marktwert der wertvollste Spieler der Vereinsgeschichte – und bei Smith gilt ein Abgang als sehr wahrscheinlich, ist aber noch nicht offiziell. Auch hinter Hauke Wahl, Connor Metcalfe und Kapitän Jackson Irvine stehen dicke Fragezeichen. Fast der gesamte Mannschaftsrat der Aufstiegssaison bricht auseinander.

Warum tue ich mir das eigentlich an?

Der Profifußballer ist letztlich ein Nomade im Trikot. Für mich ist das Vereinswappen nichts zum Küssen, für viele Spieler schon; ist es oft nur der temporäre Briefkopf des aktuellen Arbeitgebers. Ich atme den Kiez, blinzle trotzig in den Hamburger Regen, ertrage den ranzigen Geruch ekeliger Gäste – sie folgen währenddessen einem Karriereplan.

Wir sehen sie nicht oft am Milllerntor, die absolute Krönung der fußballerischen Heuchelei: die Wappenküsser. Oh, diese verfluchten Wappenküsser! Sie schießen ein Derbysieg-Tor, rutschen auf den Knien zur Eckfahne, treten sie theatralisch um, wenn sie eine Raute ziert, zerren unser Logo an die Lippen und spielen mir vor, sie hätten in St.-Pauli-Bettwäsche geschlafen, seit sie aufrecht gehen können, als hätten sie verstanden, was das heißt, St. Paulianer zu sein. Und in diesem ekstatischen Moment glaube ich ihnen. Ich will ihnen glauben!

Sukuta Pasu, auch eines der Talente, denen ich mein kleines Fanherz hinterher geworfen habe, hat jüngst in einem sehr ehrlichen Interview sinngemäß gesagt: 90% aller Emotionen der Spieler sei fake; kalkuliertes Spielen mit unseren Gefühlen und Erwartungen. Warum ich gerade an Hauke Wahl denken muss?

Hej, das ist meine selbst gewählte Tragödie. Ich bin wie ein naiver Liebhaber, der den süßen Lügen in einer durchtanzten und warmen Nacht auf St. Pauli Glauben schenkt, weil deine hübsche Brust gerade so schön wärmt. Der Fußball, diese große, zynische Maschinerie, die mich jede Saison aufs Neue verführt und mich dann mit einem Händedruck des Sportdirektors und den Worten „Ich suche eine neue Herausforderung“ auf die Straße setzt.

Und doch wäre es zu billig, nur den Spielern den Schwarzen Peter zuzuschieben. Ein Abstieg legt die Mechanik gnadenlos offen: Es ist nicht immer der Spieler, der geht. Manchmal ist es die Tabelle, die ihn vertreibt. Ein Fujita, der mit zehn Millionen Euro Marktwert in der Bilanz steht, ist für einen Zweitligisten kein Mensch mehr, sondern ein Posten. Wer absteigt, muss verkaufen, um zu überleben. Die Liebe der Kurve und die Kassenlage des Vereins stehen plötzlich auf verschiedenen Seiten. Und ich, der ich den Spieler halten will, weiß insgeheim: Genau dieser Verkauf finanziert vielleicht die drei Neuen, die ich im Januar wieder lieben werde.

Bleiben und Gehen – zwei Sprachen, die einander nicht verstehen

Die Ziele könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Profi sucht den nächsten Vertrag. Er jagt die Bundesliga oder noch forscher die Premier League, das Handgeld, die Villa mit Pool auf Mallorca, das Appartment in Dubai im schlimmsten Fall oder die letzten dicken Dollar der Karriere in St. Louis. Ich kann es ihnen kaum verdenken – ihre Knochen haben ein Verfallsdatum. Für sie ist Nostalgie ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Ein Saad, den zwei Jahre lang Bänder und Muskeln verraten haben und der dann doch in die Bundesliga nach Augsburg geht; ein Treu, der dorthin zurückkehrt, wo er herkam – sie tun nichts Verwerfliches. Sie tun nur das, was ihr Beruf von ihnen verlangt: weitergehen, bevor der Schiri die Karriere abpfeift.

Widersinnig suche ich Beständigkeit in einer Welt, die sich rasend schnell dreht. Ein ewiger Romantiker, der versehentlich in einem knallharten, absurden Millionenbusiness gelandet ist. Wenn ein Burgstaller seinen Koffer packt, wenn ein Kyereh oder Hartel die Segel streicht, wenn ein Vasilj nach fünf Jahren unter Tränen Tschüss sagt, dann reißen sie ein Loch in mein Wochenendritual. Es fühlt sich an wie ein kleiner Verrat, selbst wenn es keiner ist.

Aber es gibt sie eben doch, die andere Seite der Medaille. Es gibt die, die bleiben, obwohl sie gehen könnten. Jackson Irvine, der Kapitän, hat es nach dem Abstieg in zwei Sätze gepackt: „Ich werde hier sein. Das ist meine Heimat.“ Er wohnt nicht weit vom Stadion, seine Frau ist im Viertel verwurzelt, und er hätte allen Grund, sich in der zweiten Liga nicht weiter aufzuhalten. Er bleibt trotzdem. Und genau das macht ihn für mich wertvoller als jedes Zehn-Millionen-Angebot, das für einen anderen hereinflattert. Loyalität ist im Profifußball kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung – und sie ist umso schöner, je seltener sie vorkommt.

(Dass ein Profi, der sich auf uns einlässt, zu Recht für sich reklamieren kann, ein Teil von St. Pauli zu sein, uns dann aber anders enttäuscht, soll hier nur am Rande erwähnt sein – vgl. meine Artikel zu Jackson Irvine)

Vielleicht ist das die ehrlichste Lektion, die mir der Fußball beibringt: Dass Bleiben und Gehen keine moralischen Kategorien sind, sondern nur zwei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage – was ist mir dieser Ort wert? Der Spieler beantwortet sie mit seiner Karriere, ich beantworte sie mit meinem Bleiben (auch wenn das in diesem Verein wahrlich nicht immer ein Vergnügen ist – und da können die Spieler nix dafür). Wir kommen einfach zu verschiedenen Ergebnissen, weil wir verschiedene Ideen über den Fußball in unseren Körpern tragen (die sich auch fulminant unterscheiden, btw ;).

Wir sind das Gebäude, sie sind die Mieter

Ich bin derjenige, der bleibt. Der Verein ist das Gebäude, die Spieler sind Feriengäste. Vasiljs Abschiedsworte – „Es waren fünf wunderschöne Jahre, an die ich mich immer erinnern werde“ – sind echt, und trotzdem zieht er aus. Das ist keine Heuchelei mehr, das ist einfach die Wahrheit zweier Menschen, die sich für eine Weile dieselbe Adresse geteilt haben. Die Mieter wechseln, das Haus auf der kleinen Insel steht unbeirrt im Westwind, der erbarmungslos in unsere zugige Ecke weht.

Und so stehe ich am nächsten ersten Spieltag wieder da, diesmal in Liga zwei, mit demselben Schal (der schon soviel gesehen hat), demselben ranzigen Humor, der D. neben mir mal gefällt, mal nicht. Ein halbes Dutzend Gesichter weniger, ein halbes Dutzend neuer, die ich noch nicht kenne. Bereit, das Herz erneut auf den Rasen zu werfen, damit der nächste hoffnungsvolle Neuzugang mit seinen Stollen darauf herumtrampeln kann.

Es sind Symptome von Wahnsinn. Ich weiß, es ist völlig irrational. Und doch das Schönste auf der Welt.

O. hat in unserem Podcast ohne Aufnahme gemeint, wir sollten unsere Spieler nicht zu Posterboys hochjazzen, das sehe ich inzwischen anders. Lasst sie uns lieben, ein wenig doof anhimmeln und aus ihnen Posterboys für unseren inneren Spind machen (und fürs Merch).

Bringen wir ihnen bei, was es heißt St. Paulianer zu sein – immer wieder aufs Neue. Und wer weiß, vielleicht bleibt ja etwas backen, nehmen sie wirklich einen Teil von uns mit zu ihren neuen Boxenstopps im kapitalistischen Turborace. So wie Gyökeres, heute Superstar, oder einst Ralle Gunesch.

Fediverse reactions

Dein Host

Erik Hauth ist Blogger und Podcaster aus Hamburg-Altona. Hier schreibt und redet er über den FC St. Pauli, die Musik und Kultur des Kiez

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