No Hymne …

Kurz vorab: ich brauche keine neue Hymne, Nicht, weil so bannig am "Das Herz von St. Pauli" hängen würde. Nein. Eher, weil ich gerne erleben würde, wie das Millerntor-Stadion diese drei Minuten Stille ausfüllt, organisch wachsend - vielleicht mit einem "Wir sind oooh St. Pauli", oder etwas Neuem - oder einfach still bleibt. Das fände ich gut.

Ich hab einfach ein wenig die Befürchtung, dass sich am Ende heraus stellt, dass auch mein Verein einen ganz schlimmen Geschmack hat.

Ich werde mich nie wieder so herrlich über andere Hymnen amüsieren können, wenn bspw der Song gewinnt, der eine Plattitüde an die andere reiht: Südkurve, Elbe, Klassenkampf. Unser Pendant zu den Scorpionscovern der anderen. (Stop Erik! 😉)

Ach Mensch, ich wollte doch nicht jetzt schon werten, bin ich Stuckrad-Barre? Sorry, alte Berufskrankheit.

Aber wenn ihr schon einen ausruft, dann …

Macht den St. Pauli Song Contest zu einem lustigen Event!

Und nutzt die Chance für das Wiederaufleben einer alten St. Pauli Tugend: sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

„Thees Uhlmann, zero points“

Wenn schon ein Contest, dann bitte so campy wie der ESC. Mit Vorausscheidung und Finale. Mit Call-in und Vote-in.

Und am Ende fragt Lilo Wanders von der Bühne am Spielbudenplatz die Sprecherin der Südkurve und die sagt: „Bonjour St. Pauli, good evening Boys in Brown. … Rihanna, douze Points.“

Dann sind noch Gegengerade, Nord und Haupttribüne dran.

Was wäre das für ein Fest.

Der Modus wurde ja schon vom Millernstrain Blog gefordert, ich verstärke hier nur… stärk stärk.

Alle Wahlberechtigten können Punkte vergeben, z.B. von 0 bis 10, ähnlich wie beim ESC. Dann gewinnt vielleicht nicht der Song, den 21,7% als Nr. 1 auf dem Zettel hatten. Aber eben der, mit dem die meisten leben könnten, den vielleicht 75% als Nr. 2 auf dem Zettel haben und ebenfalls gut finden.

Und tatsächlich bekam ich eine Antwort: Mensch fände meine Idee super, würde das besprechen und ein paar Tage später bekam ich eine erneute Nachricht, dass sie meinen Vorschlag in der Endrunde (die letzten 5 Songs) umsetzen würden.

Was ich mir wünsche, wollt ihr wissen? Sowas wie „Le Chic – We are Family“

Als Househead ist mir klar, dass elektronische Musik nicht aller Leudde Ding ist. Ist ok.

Aber n bisschen queer darf es schon sein. Oder wenigstens femininer als der Brüllpunk, der bei uns Usus ist (weswegen ich Rihanna für keine schlechte Wahl halte).

Von Nile Rogers kann man übrigens gut lernen, was eine gute Hymne ausmacht.

Ein paar Tipps von Nile Rogers, wie ein Hit ensteht, der sofort in den Bauch und die Beine geht – für alle, die noch einen Song beisteuern möchten:

Nile Rodgers’ Philosophie darüber, wie ein Welthit entsteht, lässt sich auf eine klare Formel herunterbrechen: „Der Hook kommt zuerst, die Genialität liegt im Kürzen.“

Für Rodgers zeichnet sich ein echter Hit durch diese fundamentalen Prinzipien aus:

Das Gesetz des „DHM“ (Deep Hidden Meaning)

Ein Song braucht laut Rodgers eine „tiefe, verborgene Bedeutung“ (Deep Hidden Meaning / DHM). Ein Songtext darf kein reines Zweckprodukt sein, sondern muss eine Kernwahrheit in seiner DNA tragen. Bei „We Are Family“ war es die echte, unerschütterliche Verbundenheit der vier Sledge-Schwestern. Rodgers sagt dazu: „Ein großartiger Pop-Song muss zu den Seelen von Millionen von Fremden sprechen.“

Für St. Pauli passiert das bspw in der Songzeile von Thees Uhlmann mit „der nassen Schulter durch des Nebenmanns Tränen“ – diesen Moment kennt jede:r St. Paulianerin (über vierzig). Ein starkes emotionales Bild – auch wenn ich seinen Song nicht für hymnenfähig halte.

Der Hook kommt als Erstes (Gegen Bowies Regeln)

Während viele Songwriter eine Geschichte aufbauen und sich zum Refrain (dem Hook) vorarbeiten, dreht Nile Rodgers den Spieß um. Der prägnanteste Teil des Songs muss sofort am Anfang stehen. Passt auch besser zur Generation Spotify.

Als er mit David Bowie an „Let’s Dance“ arbeitete, sagte Bowie zu ihm: „Echt jetzt? Hooks kommen doch nicht zuerst.“ Rodgers entgegnete: „Wenn es der Part ist, den am Ende jeder mitsingen wird, dann fangen wir genau damit an.“ Bestes Beispiel ist der markante Einstieg von „We Are Family“, „Good Times“ oder „Le Freak“ – der Hörer wird sofort in die Musik hineingezogen.

Komplex starten, dann radikal reduzieren (Platz schaffen)

Rodgers beschreibt sich selbst als einen komplexen Schreiber. Seine Methode für einen Hit besteht darin, ein extrem vielschichtiges, kompliziertes Arrangement zu komponieren und anschließend so lange Elemente wegzunehmen, bis nur noch das pure, tanzbare Skelett übrig bleibt. Er nennt den Raum und die Pausen zwischen den Noten (Space) sein wertvollstes Werkzeug. Berühmt ist hierbei seine „Chucking“-Gitarrentechnik auf den drei höchsten Saiten, bei der er die Saiten rhythmisch abstoppt, um Platz für den Gesang zu lassen.

Ein guter Einfall macht noch keinen Hit. Rodgers betont immer wieder, dass das wahre Talent eines Hit-Producers im Umarrangieren und Neu-Konstruieren liegt. Bei Daft Punks „Get Lucky“ veränderte er die gesamte Rhythmusstruktur der bereits bestehenden Aufnahmen, indem er seine unverkennbaren Gitarren-Hooks darüber legte, woraufhin die anderen Musiker ihre Parts komplett neu einspielen mussten, um sich seiner Dynamik anzupassen.

Der Song von Le Fly hat das. Überhaupt kommt da der Punk in Gestalt einer Brassband daher. Mit Posaunen! Wie cool ist das denn. Auch wenn der Song noch ins Stadionformat runtergedampft werden muss, im Nigelschen Sinne.

DIY

Und liebe Leute: wenn schon Heritage, dann DIY. Was wir technisch nicht drauf haben, machen wir doch auch im Fussball mit Solidarität und Chuzpe wett: Mein Favorit deswegen kommt tief aus der Fanszene.

Mein Geheimfavorit: Wochenend-beziehung

Sibbe hat nicht nur die tollsten Shirts des FCSP in seiner Dachkammer selbst gepresst, sondern auch einen der schönsten Songs, so herrlich rough, mit Liebe und Rotz zusammengedengelt – der Gegentwurf zu jedem gewollt „gut“ produzierten Popsong:

Oder ein Shanty!

Mehr Heritage geht als Hafenstadt und Seeleuteviertel wirklich nicht.

„In Hamburg lay son ollen Kassen, mit Namen hejt hej Millerntor“

‚Rolling home‚ wűrde gut passen. Oder der Shanty mit dem Jolly Roger im Namen. Danke @madayar für den Vorschlag.

@stpop "Under Jolly Roger" war einer meiner Vorschläge…

6. October 2026, 07:39 2 Boosts 3 Favoriten


Shanties sind rhytmisch stark. Zum Mitsingen gemacht. Außerdem das Nordeuropäische Pendant zum Blues. Atlantische Arbeiterlieder, von Menschen gesungen und erfunden, die oft unfreiwillig/ notgedrungen schuften mussten auf hoher See.

Ich erinnere mich gerne an die Abende vor der Domschänke mit der Twittercrowd, an denen wir Shanties mit Gitarren- und Bierbegleitung zur Verarbeitung von Niederlagen nutzten – und manchmal kam es auch zu spontanen Verbrüderungen mit Gästefans.

Ja. Eine Hymne, die ansteckend ist, das würde mir gefallen.

Fediverse reactions

Dein Host

Erik Hauth ist Blogger und Podcaster aus Hamburg-Altona. Hier schreibt und redet er über den FC St. Pauli, die Musik und Kultur des Kiez

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